25. März 1972

Keine braune Brühe aus dem Braunkohlenloch von Rheinbraun

Gutes Trinkwasser für umliegende Kommunen

DÜSSELDORF. Alarmmeldungen über einen bevorstehenden Wassernotstand in vielen Teilen des Bundesgebietes haben den Blick der Öffentlichkeit erneut auf das Problem einer sicheren Versorgung mit Trinkwasser gelenkt. Durch phantastische Projekte soll dieses Problem gelöst werden. Zumindest in großen Teilen Nordrhein-Westfalens könnten aber die Wassersorgen auf elegante Weise aus der Welt geschafft werden, wenn ungenutzt in Erft und Rhein abgepumptes Grundwasser aus dem Braunkohlentagebau als Trinkwasser verwendet würde.

Die Städte Düsseldorf und Neuss wollen mit der Rheinische Braunkohlenwerke AG einen Vertrag zur Wasserlieferung abschließen, der zum Modell für Wasserlieferungsverträge mit zahlreichen anderen Kommunen werden könnte.

Zwei trockene Winter haben die Wasserversorgung in vielen Gegenden vor ernste Probleme gestellt. Aus den teilweise nur noch mit einem Bodensatz des begehrten Naß gefüllten Talsperren tauchten in den vergangenen Wochen und Monaten längst versunkene Dörfer auf. NRW-Landwirtschaftsminister Deneke kündigte bereits drastische Maßnahmen an. So sollen die Autofahrer notfalls nicht mehr ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung nachgehen können, dem Wagenwaschen. Sollte jetzt noch ein besonders trockener Sommer folgen, dann wäre wie kürzlich im Siegerland – auch in anderen Gebieten eine Wasserversorgung der Bevölkerung per Tankwagen die letzte Rettung.

Wenn die Lage an der Wasserfront heute schon so prekär werden kann, was erwartet uns dann erst in den kommenden Jahrzehnten? Für einzelne Gebiete wurde auf Grund der Zunahme der Bevölkerung bis 1985 mit einer Steigerung des Wasserbedarfs gegenüber dem derzeitigen Stand um 40% gerechnet. Bis zum Jahre 2010 wird eine nochmalige Steigerung auf dann 180% des jetzigen Bedarfs angenommen. Daher prüften z.B. die EWG-Behörden in Brüssel langfristige Möglichkeiten der Verwirklichung großer überregionaler Wasserversorgungssysteme. Sie gehen weit über das Projekt hinaus, den Bodensee, der heute bereits z. B. die Großstadt Stuttgart versorgt, zum Trinkwasserspeicher Europas zu machen. Wasserreiche Nachbarländer der Bundesrepublik möchten mit gigantischen Wasser-Pipelines aushelfen. So bietet z. B. die Schweiz die Lieferung von Quellwasser des oberen Rheintals nach Norddeutschland an. Und die Skandinavier würden ihr Reinwasser gern über 1500 km hinweg bis ins Ruhrgebiet und weiter nach Holland und Belgien pumpen. Für die Küstenregionen werden gigantische Meerwasserentsalzungsanlagen ins Auge gefaßt.

Milliardenprojekte

Alle diese Projekte würden Milliarden – Investitionen erfordern und zudem auf zahlreiche Widerstände stoßen. Ihre Verwirklichung ließe sich daher zeitlich nicht genau festlegen. Sofort realisierbar wäre dagegen die Nutzung eigener Wasserreserven. Zwar wurde nach dem Kriege eine Reihe neuer Trinkwasser-Talsperren und neuer Wasserwerke gebaut. Doch muß das kostbare Naß aus immer größeren Tiefen gefördert werden, damit beim Endverbraucher keine braune Brühe aus der Leitung fließt. Um So willkommener sind neue Wasser-„Quellen“, zumal dann, wenn aus ihnen qualitativ hochwertiges Wasser sprudelt.

Eine solche Quelle scheinen die Städte Düsseldorf und Neuss aufgetan zu haben, wenn ein entsprechender Vertragsentwurf den Segen der Stadtverordneten findet. Für Neuss, das heute 10 Mill. und 1995 etwa 18 Mill. cbm Trinkwasser pro Jahr braucht würde die in Frage stehende Menge theoretisch bereits die volle Versorgung mit dem reinen Wasser von Rheinbraun bedeuten. Für Düsseldorf (heute 85 Mill. cbm, 1995 das Doppelte) wären die 15 Mill. cbm allerdings nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Bisher sieht der Vertragsentwurf die Lieferung von nur 30 Mill. cbm an beide Städte für die Dauer von 20 Jahren vor. Das ist zu wenig Wasser für eine zu kurze Zeit.

Bürokratische Hemmnisse

Es könnte wesentlich mehr sein. Denn aus den sechs großen Tagebauen von Rheinbraun der tiefste ist Fortuna mit 230 in Tiefe werden jährlich nicht weniger als 1,2 Mrd. cbm Grundwasser in die Erft bzw. über einen besonderen Kölner Randkanal in den Rhein geleitet. Zum Vergleich: In der gesamten Bundesrepublik beträgt das Trinkwasser-Aufkommen der öffentlichen Wasserversorgung „nur“ 5,2 Mrd. cbm pro Jahr. Angesichts der jetzigen Wasserknappheit mutet dies wie eine ganz große Verschwendung an. Der Initiator des Wasserlieferungsvertrags, Stadtdirektor Willi Konz aus Neuss, glaubt, daß bei günstigeren Bedingungen der Lieferseite noch wesentlich mehr Kommunen bereit wären, ihren Zusatzbedarf an Trinkwasser durch einen Verbund mit Rheinbraun zu decken. Dazu müßte der Große Erftverband bereit sein, wesentlich länger als 20 Jahre laufende Wasserlieferungsverträge zu akzeptieren. NRW-Landwirtschaftsminister Deneke ist grundsätzlich bereit, das Düsseldorf-Neusser Projekt zu unterstützen. Allerdings kam hier ein klärendes Gespräch erst nach anderthalbjähriger Verzögerung zustande. Ob Deneke in der Lage ist, den Widerstand des Erftverbandes zu brechen, muß die Zukunft zeigen. Dazu Konz etwas bitter: „Die alten Römer bauten vor 2000 Jahren eine Wasserleitung aus der Eifel nach Köln. Aber damals galt noch das Wort: Roma locuta, causa finita. Heute gibt es bürokratische Hemmnisse, obwohl eine Trinkwassertalsperre von 30 Mill. cbm Fassungsvermögen nicht unter 100 Mill. DM zu haben ist.“ Andererseits lag die zu geringe Nutzung der Wasserreserven von Rheinbraun aber auch an den Kommunen selbst, die bisher glaubten, mit ihren eigenen Wasserwerken auskommen zu können.

Wasserwirtschaftier denken in langen Zeiträumen. Der „Soforthilfe-Plan“ der Düsseldorfer und Neusser heißt nicht etwa, daß im kommenden Sommer schon die Braunkohlelöcher bei Bedburg die Löcher im Wasserangebot der beiden Städte stopfen können. Vielmehr fließt Rheinbraun-Wasser selbst bei unbürokratischer Planung und Durchführung nicht vor 1975. Abgesehen von der jetzigen Trockenheitsperiode ist das auch früh genug.

Gärtner-Plan für das Jahr 2000

Dagegen zielt ein bereits vor Jahren konzipierter Plan des Vorstandsvorsitzenden von Rheinbraun, Dr. Gärtner, auf die Sicherung der Wasserversorgung der kommenden Generation. Nach Beendigung der Auskohlung in den Tagebauen Garsdorf und Hambach – etwa 1995 bis 2010 – würden zwei riesige Löcher zurückbleiben, die sich nach Einstellen des Auspumpens nur langsam wieder mit Grundwasser füllen würden. Um diesen Prozeß der Wiederauffüllung zu beschleunigen, sieht der Gärtner-Plan den
Bau von je einem Verbindungsstollen zum Rhein vor. Das zunächst schmutzige Rhein-wasser könnte sich in den beiden künstlichen Seen selbst reinigen und als gigantische Trinkwasserreservoire dienen. Mit 3,2Mrd. cbm Stauraum und mehr als 30 qkm Fläche würden die beiden Seen fast doppelt so groß sein wie alle Talsperren der Bundesrepublik zusammengenommen. Man rechnet hier mit Investitionen von nicht mehr als 350 Mill. DM oder 10 Pf pro cbm Seeinhalt, während eine moderne Talsperre über 3 DM pro cbm Stauraum erfordert. Gärtner führt seinen Plan vor allem drei Vorteile an:

Sofortige Verfügbarkeit des laufenden abgepumpten Grundwassers zur Wasserversorgung für die Dauer der bergbaulichen Maßnahmen. Dieser Vorteil hat bei der Belieferung der beiden Großstädte bereits praktische Auswirkungen.

Ständige Anreicherung des Grundwassers aus dem Speichersee. Durch die Verweildauer des Wassers im Reservoir erfolgt eine natürliche biologische Klärung.

Größte Sicheiheit der Wasserversorgung, da die Anlage kaum gefährdete Punkte aufweist, wie sie z.B. die Staumauern von Talsperren darstellen.

Günstige Lage der beiden Seen zu den Bedarfsschwerpunkten zwischen Bonn, Duisburg und Aachen.

Quelle: HANDELSBLATT, JOSEF HESS , Samstag, 25. 3. 1972

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