16. Juli 2020 Zukunftsterrassen und Hafeninsel

Leserbrief von Rudolf Brands und Wilhelm Robertz (für das Aktionsbündnis Leben ohne Braunkohle, Stommeln):

Dem Artikel ist zu entnehmen, der Rat der Gemeinde Elsdorf habe die von Planungsbüros vorgelegten Entwürfe einstimmig begrüßt. Kritische Nachfragen blieben offenbar aus.
Die aufgeführten Pläne zeigen eine ins Blaue projizierte Zukunftsvision mit blumigen Begriffen (Seeterrassen, Ferienpark..), die bereits jetzt drängenden Probleme werden ignoriert und finden im Artikel keinerlei Erwähnung. Fakt ist jedoch, dass das Grundwasser tagebaubedingt weitflächig (ca. 3000km2) bereits jetzt mengenmäßig wie qualitativ in schlechtem Zustand ist, nachzulesen im „Hintergrundpapier Braunkohle“ aus dem Landesumweltministerium.

Der noch bis 2038 vorgesehene Kohleabbau im Tagebau führt zur Oxidation der im Untergrund vorhandenen Schwefelverbindungen zu Sulfat und Eisen. Mit den Tagebauen werden nicht nur streng geschützte grundwasserabhängige Feuchtgebiete zerstört, sondern auch Trinkwassergewinnung und der Grundwasserhaushalt für Jahrhunderte geschädigt. Denn wenn nach Beendigung des Kohleabbaus die Sümpfungen eingestellt sind und das Tagebauloch geflutet wird, steigt das Grundwasser wieder und Sulfate aus Tagebauabraumhalden werden ausgewaschen. Die derzeitigen Trinkwassergewinnungsanlagen Glesch, Paffendorf, Türnich und Sindorf werden laut Aussage des Erftverbandes ihre Wassergewinnung einstellen müssen. Im Braunkohlegebiet Lausitz werden die bereits gefluteten und zu Urlaubsseen um funktionierten Tagebaulöcher wegen des Sulfatgehalts regelmäßig mit Kalk behandelt, um die Versauerung abzumildern.

Der geplante Hambachsee sprengt alle bisherigen Dimensionen und wird den Wasserhaushalt der gesamten Region beeinträchtigen. Ausgehend von den Erfahrungen in den Tagebauseen der Lausitz werden jährlich ca. 30 Millionen m3 Wasser des Hambachsees verdunsten (mit steigender Tendenz infolge des Klimawandels). Diese Menge wird dem Grundwasser stetig entzogen oder muss anderweitig aufgefüllt werden.
Es ist geplant, den See großenteils mit Rheinwasser zu füllen, da das Grundwasservolumen für eine „schnelle“ Füllung (bis 2080) nicht ausreicht. Damit werden dem Rhein Millionen m3 Wasser entzogen. Der fortschreitende Klimawandel führt dazu, dass der Rhein häufiger Niedrigwasser führen wird. Zudem ist der Rhein auch Trinkwasserlieferant (durch Aufbereitung von Uferfiltrat). Der Rhein als komplexes Ökosystem ist absolut schützenswert. Zudem erfordert die gewaltige Rohrleitung zwischen dem Rhein bei Dormagen und dem Tagebau wiederum massive Landschaftseingriffe durch die benötigte 70 m breite Trasse.

Unter diesen Umständen ist es fatal, den Rhein für das Auffüllen eines Tagesbausees in dieser Größenordnung zu beanspruchen.
Der projektierte Hambachsee zeigt, dass die Planer allen Erfahrungen zum Trotz weiter davon Ausgehen, der Mensch könne beliebig die gigantischen Eingriffe in die Natur durch in unseren Augen größenwahnsinnige neue Projekte kompensieren, dabei wäre etwas mehr Bescheidenheit und kritisches Hinterfragen das Gebot der Stunde.
Das Unternehmen Hambach-See sollte Anlass sein, die gesamte Grund- und Oberflächensituation im Rheinischen Revier zu beleuchten. Anstatt von utopischen Vorhaben zu träumen, sollten auf Faktengrundlagen beruhende Gefahren für das existenziell wichtige Grundwasser in den Fokus rücken, damit künftige Generationen nicht für unsere gravierenden Eingriffe zahlen müssen.

Quelle:
Kölner Stadtanzeiger vom 16.07.2020, Lokalteil Rhein-Erft

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