02. Juli 1977

Morschenich – vergessenes Experiment

Vor 40 Jahren wurde versucht, die Hambacher Kohle im Untertagebau zu gewinnen

Schachtanlagen abgerissen

Erftkreis (dk) – Rund 500 Meter tief und zum Teil 100 Meter mächtig sind die Flöze des künftigen Tagebaues Hambach. Das diese Kohle nun im Tagebau abgebaut werden wird, ist inzwischen gesichert kaum vorstellbar, daß dies fast gar nicht notwendig gewesen wäre. Wenn nämlich die Versuche von Morschenich, die Hambach-Kohle im Untertagebau zu gewinnen, erfolgreich verlaufen wären. Doch vor rund 25 Jahren wurden sie abgebrochen. Ergebnislos. Wenn die Bagger in 50 Jahren in Morschenich ankominen, werden sie auch auf die alten Schächte und ein vergessenes Kapitel Geschichte des
rheinischen Braunkohlenbaues stoßen.

Über die ungeheuren Kohlevorkommen zwischen Bergheim und Jülich weiß man schon seit über 50 Jahren Bescheid. Doch daß bereits zu dieser Zeit Versuche gemacht worden sind, das braune Gold im Untertagebetrieb zu gewinnen, dürfte vielen Leuten hierzulande unbekannt sein.

Bei zahlreichen Bohrung in den Jahren 1927 bis 1930 im rheinischen Revier stießen die Meißel in unterschiedlichen Tiefen auf Kohle. Das Hauptflöz lag westlich des Vorgebirges ungefähr auf der Linie Kerpen – Bergheim – Bedburg, zum Teil mehr als 500 Meter tief mit einer Mächtigkeit von über 100 Metern.

Doch bis Mitte der 30er Jahre kannte man im rheinischen Braunkohlenrevier nur die flachen Tagebaue, Beim damaligen Stand der Technik galten die tiefergelegenen Lagerstätten als „Schätze auf dem Meeresgrund“. Mit diesen Abbaumethoden wäre das Revier um 1985 ausgekohlt gewesen.

Die Kurzlebigkeit der Energielandschaft zwischen Frechen und Grevenbroich wurde dann nochmals rechnerisch drastisch verkürzt, als die Vierjahrespläne des „Dritten Reichs“ die verschiedenen mit Kohleabbau befaßten Gesellschaften zwangen, im Jahre 1938 die Union Kraftstoff in Wesseling zu gründen. In deren Anlagen sollte aus der Braunkohle Benzin hergestellt werden.

Der erwartete Bedarf der Crackanlagen und die nach der Wirtschaftskrise ständig steigende Nachfrage nach Strom und Briketts hätte die geschätzte Lebensdauer des Reviers um weitere 20 Jahre verringert, so daß im Rheinland die letzte Kohle im Jahre 1965 gefördert worden wäre.

Eine solche Rechnung verursachte den für die Rohstoffversorgung verantwortlichen Reichsdienststellen einen Schock. Doch ein findiger Kopf wußte Abhilfe. Zum Entsetzen aller Fachleute mußten Versuche unternommen werden, Kohle im Untertageabbau zu gewinnen.

Untertagebau für Braunkohle gab es damals bereits im Sudentenland. Nur waren dort die Probleme bei weitem kleiner, da die Deckgebirge aus festem Stein und nicht wie im Erftland aus lockeren Massen bestanden. Außerdem so glaubten die Fachleute würden viele Milliarden Tonnen, Grundwasser über den Kohlelagerstätten später die Stollen regelrecht ersäufen.

Quelle: Kölner Stadt Anzeiger, Dieter Klein Sa. 02.Juli.1977

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